Vierteljahresschrift für das Gesamtgebiet der katholischen Theologie
Begründet von Kardinal Leo Scheffczyk • ISSN 0178-1626
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Zusammenfassung

Leo Kardinal Scheffcyk:
Christologie in der Dimension der Erfahrung
Zur Christusdeutung von Edward Schillebeeckx – Erstpublikation des deutschen Originaltextes (hg. von Johannes Nebel)
(FKTh 2020-4, S. 241–261)

Leo Scheffczyk untersucht eingehend jene bis in die frühen 1980er Jahre publizierten Schriften Edward Schillebeeckxʼ, die für die Christologie relevant sind. Dafür unterscheidet er eine „vorkritische“ Frühphase von den christologischen Hauptwerken und lässt seine Beobachtungen anhand von zwei späteren kleineren Schriften abklingen. Für Schillebeeckxʼ frühe Veröffentlichungen konstatiert Scheffczyk noch eine Treue zur kirchlichen Lehre nach Maßgabe der Offenbarung, die mit modernen Kategorien der Begegnung, Erfahrung und Menschlichkeit nur in ein neues Licht gestellt wird. In Schillebeeckxʼ nachkonziliarer Wende zu kritischer Hermeneutik sei menschliche Erfahrung jedoch maßgebend geworden, einhergehend mit dem Bezug zur Praxis. Zur vollen Auswirkung komme dies in seinem zentralen Buch „Jesus. Die Geschichte von einem Lebenden“: Die Person Jesu werde – ohne methodische Legitimierung – einseitig von einer aus modernem Selbstverständnis rekonstruierten Erfahrung frühchristlicher Gemeinden erschlossen. Abschließend resümiert Scheffczyk, dass Schillebeeckx weder dem Glauben noch der Offenbarung eine begriffliche Eigenständigkeit gegenüber (damaliger wie heutiger) menschlicher Erfahrung zubillige und somit Offenbarung und Glaube subjektiv und willkürlich umpräge. – Scheffczyk ist sensibel für Schillebeeckxʼ Argumentationsgang, prüft gedankliche Kohärenz und begriffliche Klarheit. Scheffczyks Analyse bleibt bemerkenswert, weil es auch heute theologische Jesus-Bilder gibt, die wenigstens mittelbar abhängen von solchen Argumentationsmustern. Vor allem aber wird an Scheffczyks Darstellung erkennbar, wie maßgeblich die geistige Entwicklung eines Autors mitbedingt ist durch eine vorausgehende Unterlassung bestimmter Klärungen oder Ausblendung von Fragestellungen. Scheffczyks Untersuchung bietet außerdem einen Maßstab für das geistige Eingehen auf Denkbewegungen, die von der eigenen verschieden sind: Dabei werden berechtigte Anliegen bejaht, z.B. am Schluss des zweiten Hauptteils die heutige Bedeutung von Erfahrung und Praxis. Außerdem wird ganz am Ende die kritische Sichtung für die Möglichkeit künftiger positiver Entwicklung offengehalten.

 

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